Authentisch und frei für eine lebendige Kunst
„Wir müssen immer aus den Regeln ausbrechen“

Die klassische Musik ist eine faszinierende Kunst. Sie beginnt mit dem schöpferischen Akt der Komposition: Ideen von Melodien und Rhythmen, von Klangbildern und Geräuschen, die in Noten, Takten und der Wahl der Instrumente auf Papier gebannt werden. Auf diese Weise kann Musik in völlig artfremdem Zustand – nämlich ruhend und stumm – die Jahrhunderte überdauern. Und aus diesem Dornröschenschlaf kann sie nur wieder zum Leben erweckt werden, wenn Musiker:innen bereit sind, sie zu spielen. Dabei müssen sie einerseits einem sehr strikten Regelwerk folgen und andererseits so frei wie möglich agieren, damit die Musik ihre Magie entfalten kann. Die perfekte Beherrschung des Instruments und der Partitur ist die Voraussetzung, doch die Kunst entsteht erst im Moment der Aufführung.
Ganz gleich, ob ich Mozart, Mussorgsky, Beethoven oder Schönberg spiele, ich versuche die Werke zu meinen eigenen zu machen.
„Ganz gleich, ob ich Mozart, Mussorgsky, Beethoven oder Schönberg spiele, ich versuche die Werke zu meinen eigenen zu machen“, sagt der türkische Pianist und Komponist Fazıl Say. Er bringt damit auf den Punkt, was den Interpreten von einem Spielautomaten unterscheidet: Es ist die Persönlichkeit der Musikerinnen und Musiker, die im Spannungsfeld zwischen Handwerk und Kunst den entscheidenden Unterschied macht. Wenn das Geschehen auf der Bühne authentisch wirkt, kann es zu einem besonderen Erlebnis werden. Patricia Kopatchinskaja, Geigerin und langjährige Duopartnerin von Fazıl Say, findet: „Ein Konzert sollte immer etwas sein, wo es Überraschungen gibt, wo es auch ein bisschen gefährlich ist, wo Fragen entstehen, wo junge Menschen sich nicht langweilen.“ Sie ist überzeugt davon, dass die klassische Musik eine gesicherte Zukunft hat, wenn man bereit ist, neue Wege zu gehen – und geht selbst mit bestem Beispiel voran. Dabei macht es der in Teilen sehr konservative und auf Konventionen beruhende Konzertbetrieb den Interpret:innen nicht immer leicht, ihren eigenen Weg zu finden. Was ist, wenn ich nicht jeden Tag mit Frack und gestärktem weißem Hemd auf dem Podium stehen möchte? Was ist, wenn ich zwar Beethoven liebe, aber ihn trotzdem nicht ständig spielen will? Bei PRO MUSICA dürfen wir in der aktuellen Saison einige Musiker:innen erleben, die ganz individuelle Antworten auf diese Fragen gefunden haben. Für Fazıl Say zum Beispiel war immer klar, dass er sich als Brückenbauer zwischen den Kulturen versteht – als Pianist und vor allem als Komponist kennt er keine Genregrenzen: Orientalische Rhythmen, Mozart oder Jazzmusik, das alles fließt in seine Musiksprache, die er als international bezeichnet, ein. „Dabei brauche ich nicht zu sagen, dass ich ein türkischer Musiker bin, weil meine Musik das sagt.“
Eigentlich hoffe ich, dass wir alle nie erwachsen werden, sonst werden wir alle zu quadratisch und nur nach Regeln. Wir müssen immer aus den Regeln ausbrechen!
Auch Patricia Kopatchinskaja wurde durch die Volksmusik ihrer Heimat Moldau geprägt, doch noch mehr zeichnen sie ihre Neugier und ihr freier Geist aus: „Eigentlich hoffe ich, dass wir alle nie erwachsen werden, sonst werden wir alle zu quadratisch und nur nach Regeln. Wir müssen immer aus den Regeln ausbrechen!“ Dass sie mit dieser Einstellung, die sie seit Beginn ihrer beeindruckenden Karriere konsequent verfolgt, für Jüngere den Weg geebnet hat, scheint ihr bewusst zu sein. In der WDR-Dokumentation Jetzt oder nie über Shootingstar Anastasia Kobekina erklärt sie mit ein wenig Stolz: „Neue Wege zu gehen, ist heutzutage nicht mehr falsch oder riskant, sondern geradezu gewünscht.“ Im gleichen Zusammenhang begeistert sie sich für die „totale Offenheit“ der 1994 geborenen Cellistin. Diese ist gerade dabei, sich einen Weg durch den Dschungel der Anforderungen des Klassikbetriebs zu ebnen, ohne dabei ihre Authentizität zu verlieren. Ihre Antwort ist eine, die zur aktuellen Generation passt und die auch andere – wie z. B. die Starorganistin Anna Lapwood für sich gefunden haben: Auf ihren Social-Media-Kanälen zeigen sich beide Künstlerinnen so facettenreich und begeisterungsfähig, wie sie sind, und reichern somit das begrenzte Bild, das durch einen Konzertauftritt möglich ist, an.
Nemanja Radulović geht nicht mit der Mode – er kreiert seine eigene
Auch der serbisch-französische Geiger Nemanja Radulović hat früh entschieden, seinen individuellen Weg zu gehen. Der Joseph-Joachim-Wettbewerb 2003 in Hannover war eine seiner letzten Wettbewerbsteilnahmen– mit dem ersten Preis in der Tasche entschied der damals 18-Jährige sich diesem Druck, den er für seine künstlerische Freiheit nicht zuträglich fand, nicht mehr aussetzen zu wollen. Seine Karriere ging trotzdem – oder gerade deswegen –steil bergauf. Die langen oft ungebändigten Haare, die Tattoos und die lässigen Outfits sind dabei so wie die Barfußauftritte von Patricia Kopatchinskaja nur äußerliche Merkmale der inneren Freiheit. „Nemanja Radulović geht nicht mit der Mode – er kreiert seine eigene“, schreibt Helmut Peters für concerti. Die Betonung liegt dabei auf der „Kreation“, denn es ist ein künstlerisches Gesamtkonzept, das die Echtheit ausmacht und so die Musik lebendig hält, ganz gleich, ob eine Beethoven-Sonate, ein Stück Volksmusik oder eine Eigenkomposition zur Aufführung kommen.
Montag, 23. November 2026 | 19:30 Uhr | NDR Konzerthaus, Großer SendesaalPatricia Kopatchinskaja & Fazıl SayWerke für Violine und Klavier
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Samstag, 10. April 2027 | 19:30 Uhr | MarktkircheAnna LapwoodSonderkonzert in der Marktkirche
Ausverkauft
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Samstag, 17. April 2027 | 19:30 Uhr | NDR Konzerthaus, Großer SendesaalNemanja RadulovićDouble Sens
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Donnerstag, 06. Mai 2027 | 17:00 Uhr | NDR Konzerthaus, Großer SendesaalAnastasia KobekinaAcademy of St Martin in the Fields
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