Freitag, 08. April 2016

Igor Levit im Gespräch

Am 21. Oktober und 23. Oktober ist der Hannoveraner Weltstar Igor Levit mit zwei Rezitalkonzerten bei PRO MUSICA zu Gast. Anna-Kristina Laue sprach mit dem sympathischen Pianisten im Vorfeld über sein Konzerte.

Das Programm Ihrer letzten CD ist ein wahnsinnig ambitioniertes Programm – und Sie haben ausschließlich begeisterte Kritiken dafür geerntet – in Hannover spielen Sie jetzt an zwei Abenden genau dieses Programm mit den drei Variationenzyklen: Bachs „Goldberg-Variationen“, Beethovens „Diabelli-Variationen“ und Rzewski „The People United Will Never Be Defeated“ – wie kam es zu dieser Zusammenstellung? Was verbindet Sie mit den drei Werken?

Oje, das wird jetzt eine lange Antwort... Also im Grunde genommen ist es so, dass diese drei Werke, diese drei Komponisten mein musikalisches Leben der letzten 10-12 Jahre begleitet haben. Ich verbinde nahezu alles, was für mich wichtig war mit ihnen.

Ich fange mal mit der rein musikalischen Erklärung an: Es war immer so, dass die Form der Variation als solche mir die liebste und die nahste war. Seit ich denken kann! Ich fand das Variieren und das Schauen von ganz verschiedenen Seiten, aus unterschiedlichen Perspektiven auch grundsätzlich im Leben schon immer spannend. Also wie ein Geier um sein Opfer zu fliegen, die Kreise immer enger zu ziehen und dann zuzuschnappen [lacht] …

Und dann haben sich, als ich 15/16 Jahre alt war, drei Dinge ganz parallel entwickelt. Das eine war, dass mein damaliger Lehrer Prof. Kämmerling bei einem Kurs in Japan sagte: „Ich bin mir sicher, dass dieses Werk“, er brachte mir die „Diabelli-Variationen“ mit, „Ihr Stück wird.“ Und dann hat er ganz viele Gründe genannt, an die ich mich jetzt alle nicht mehr erinnern kann. Aber dann habe ich angefangen, es von allen möglichen Seiten zu lesen und zu erforschen, war wahnsinnig fasziniert, habe aber natürlich eigentlich gar nichts verstanden. Aber dieses Werk war eine Art Turning Point für mich. So eine Entdeckerreise und so ein intensives Zusammenleben mit einem Werk habe ich bis dahin nicht erlebt. Es wurde im Grunde zu dem zentralen Werk meines Repertoires – eigentlich bis heute. Es war ja dann auch das Werk, mit dem ich vor über fünf Jahren hier in Hannover mein Konzertexamen gespielt habe.

Mit 16/17 war ich aber trotzdem nicht richtig glücklich mit dem Klavierspielen, hatte aber das große Glück in der Zeit jemanden kennen zu lernen, der mich als Musiker und neugierigen Menschen sozusagen gerettet hat. Das war der Cembalist, Ensembleleiter und grandiose Mensch Lajos Rovatkay, der ja hier in Hannover Jahrzehnte lang Professor für Alte Musik war. Ich habe Lajos durch Zufall kennen gelernt und mit ihm angefangen, Alte Musik zu erkunden, gar nicht so sehr Klaviermusik, sondern Renaissancegesang, A cappella usw. Ich habe das tatsächlich richtig studiert mit ihm. Er hat mir Musik und Formen gezeigt und das war wie ein Erweckungserlebnis. Und all diese superintensive Beethoven-Arbeit, die mich bis heute prägt, wurde plötzlich so aufgefüllt durch eine Musikgattung, die mir so ganz unbekannt war. Das Kommunizieren mit Lajos und das Lernen von ihm waren wie eine neue Luftzufuhr. Er wurde in der Zeit zu einer Art Spiritus rector für mich. Und über diese Jahre der Kommunikation mit ihm kamen wir dann Schritt für Schritt zu Bach. Ich habe dann plötzlich ganz viel Bach gearbeitet, habe die Partiten aufgenommen, im Hintergrund schlummerten aber immer schon die „Goldberg-Variationen“. So habe ich mich Schritt für Schritt meinem Bach genähert, dass er mich jetzt so glücklich macht, wie es nur irgend möglich ist. Dadurch hat sich natürlich auch viel für mein Beethoven-Spiel getan.

Und der dritte Schritt war, dass ich mit einem Kommilitonen in der Bibliothek in der Hochschule saß und wir ein Werk von einem Komponisten hörten, der uns nichts sagte: Frederic Rzewski „The People United Will Never Be Defeated“. Ich war so ungeheuer fasziniert und bewegt von diesem Werk, dass ich Frederics E-Mail-Adresse im Internet herausfand, und ihm mit einer gehörigen Portion Chuzpe einfach gemailt habe. Die Mail ging ungefähr so: „Sehr geehrter Herr Rzewski, ich habe gerade ihr Stück gehört, mein Name ist Igor Levit, erstes Semester Klavier, Hochschule Hannover. Irgendwann werde ich es spielen. Würden Sie etwas für mich komponieren? Mit freundlichen Grüßen.“ Und das war die ganze E-Mail. Zurück kam: „Sehr geehrter Herr Levit, danke für Ihre E-Mail. Ich freue mich, dass Ihnen mein Stück gefällt. Wenn Sie jemanden finden, der dafür bezahlt, dann komponiere ich Ihnen etwas.“ Und dann habe ich jemanden gefunden, nämlich die Hannoversche Gesellschaft für Neue Musik und die haben dann einen Auftrag bei ihm gegeben. Und Frederic hat, ohne dass er mich je gesehen hat, ein Stück für mich geschrieben, das ich dann in Hannover uraufgeführt habe, die „Nano-Sonaten“.

Und über mittlerweile 12 Jahre entwickelte sich mit ihm wirklich eine Freundschaft, die für mich von alleressentiellster Bedeutung ist. Und dann habe ich auch „The People United…“ über einige Jahre gelernt und verstanden, dass dieses Stück für mich zweifelsfrei zu den drei großartigsten Variationswerken gehört. Diese drei dann aufzunehmen, war eine Selbstverständlichkeit. Das ist jetzt die Kurzform der Geschichte, nur auf die Musik bezogen. [lacht]

Treten Sie eine Art Verteidigungsfeldzug für die Variation an? Variationszyklen werden ja manchmal im Verhältnis zu Sonaten immer noch als „minderwertiger“ bezeichnet und den „Goldberg“-und „Diabelli-Variationen“ haftet der Vorwurf des Akademischen an.

Wer das behauptet, ist blind auf beiden Augen und taub auf beiden Ohren. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Das, was diese drei Werke so miteinander verbindet, ist die allerhöchste und gleichzeitig allertiefst empfundene Form von Humanismus. Es ist das Miteinander-Erleben, das in diesen drei Werken, neben vielen anderen tollen Elementen, an vorderster Stelle steht. Man begeht miteinander eine Reise. Man hat Zeit, denn diese Stücke dauern lange. Zeit, sich selbst zu erforschen, miteinander zu erleben und zu teilen, miteinander zu hören und kennenzulernen. Das ist mir sehr wichtig – um nichts anderes geht es meiner Meinung nach beim Musik Machen. Und diese Werke stellen uns Menschen auf ihre ganz verschiedene Arte und Weise in den Mittelpunkt.

Frederic Rzewski ist mit Sicherheit der Komponist der dem Publikum am wenigsten bekannt ist. Was begeistert Sie an Werken?

Frederic ist ein Gegenwartsmensch par excellence. Er ist ein aus dem Hier und Heute inspirierter Musiker, ein unglaublich neugieriger Mensch, der sein Leben und das Leben, das er sieht, in die Musik einfließen lässt. Er schreibt Werke, die Geschichten erzählen, auf eine so unmittelbare direkte Art und Weise, die etwas ungeheuer Menschliches und eine Haltung haben. Seine Werke sind nicht bequem! „The People United…“ hat Haltung und fordert von seinen Zuhörern Haltung ein. Es ist keine Musik der Musik willen – das auch – aber es ist eine Musik, die Menschen zusammen führt und auch Dinge vor Augen führt. Ich glaube jede bedeutende Musik stellt eher Fragen, als dass sie Antworten gibt. Und seine Musik ist so unglaublich lebendig, sie hat unmittelbar mit uns zu tun. Nicht nur „The People United…“ von 1975, sondern er erschafft bis heute Musik, die Menschen auf das direkteste und packendste mitnimmt und Menschen das Gefühl gibt: „Ihr seid Teil des Ganzen.“ Es ist einfach ein Humanismus in seinen Werken, ein Herz und eine Genialität, die ziemlich für sich steht.

Bei Rzewski gibt es immer wieder improvisatorische Elemente, fällt Ihnen das als klassisch ausgebildeter Pianist schwer?

Nein. Am Anfang war das mal so, aber mittlerweile ist das ein integraler Bestandteil meines Musiklebens. Aber darüber zu sprechen ist schwierig, weil eine Improvisation deswegen Improvisation ist, weil ich bis zu dem Zeitpunkt, wo es dann soweit ist, nicht darüber nachdenke. Ob ich improvisiere und was, kann ich vorher nicht sagen. Aber ich finde wir sollten alle mehr improvisieren!

Die Kombination von klassischen Repertoirewerken und neuer Musik zieht sich in dieser Saison durch Ihre Programme – verändert sich die Sichtweise auf das Alte durch die Konfrontation mit dem Neuen und umgekehrt?

Selbstverständlich! Deswegen ist es ja auch lebendig – ein Stück wird immer anders sein, je nachdem was man davor und was man danach hört. Oder ob man nur das Stück hört. Es verändert sich auch für mich von Abend zu Abend. Aber das ist ja auch klar, ansonsten bräuchten wir ja alle gar nicht mehr ins Konzert zu gehen.

Hannover ist nicht direkt Ihre Heimatstadt …

Doch. Es ist meine Heimatstadt!

…macht es dann einen Unterschied, ob sie in Ihrer Heimatstadt Hannover auftreten oder in irgendeinem anderen Konzertsaal auf der Welt?

Ich könnte überall, auf jedem Klavier, in jedem Raum spielen, ich bin da eine sehr entspannte Kreatur. Ich freue mich auf jedes Konzert, aber Zuhause zu spielen, ist natürlich etwas sehr Wertvolles, insofern ist es also doch wieder anders.

Doch eine Art Heimspiel?

Natürlich.

Foto © Gregor Hohenberg / Sony Classical

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